Krankenhausplanung 2.0

Der Verband der Ersatzkassen e.V. (VDEK) stellte am 21.10.2014 ein Gutachten vor, dass von ihm beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Auftrag gegeben wurde (1). Zentrale Aussage „Qualität und Erreichbarkeit müssen im Mittelpunkt einer Krankenhausplanung der Zukunft stehen“ und weiter „Die Probleme, die wir heute in den Krankenhäusern haben, sind die Folge der historisch gewachsenen länderbezogenen Krankenhauslandschaft und deren Fortschreibung: Zu viele kleine Einheiten, eine zu hohe Krankenhausdichte, zu wenig Spezialisierungen, eine zu geringe Qualitätsorientierung.“ Wenn man das so liest, kommt schnell der Gedanken auf: Vernünftige Ansätze und sinnvolle Aussagen. Problematisch sind jedoch die daraus abgeleiteten Forderungen! Laut VDEK sind Entfernungen von 30 PKW-Minuten bis zu Häusern der Grund- und Regelversorgungen, sowie 60 PKW-Minuten bis zu Häusern der Schwerpunkt- und Maximalversorgung, als ausreichend zu betrachten. Dies würde zum jetzigen Zeitpunkt zu 99,6% bzw. 96,3% bereits der Fall sein.

Die Presse kommentierte dies mit Aussagen wie: „Auf 200 der 1300 Grundversorger könne problemlos verzichtet werden.“ (2) oder „Jede 7 Klinik ist überflüssig“ (3). Man weiß nun aber, dass bei vielen Krankheitsbildern eine zeitnahe medizinische Versorgung einer der kritischsten Variablen in Hinblick auf Outcome und Qualität darstellt. Egal ob es sich um Schlaganfall, Herzinfarkt oder die Versorgung von Schwerverletzten handelt. In allen medizinischen Leitlinien zur Versorgung dieser Patienten, nimmt der Faktor Zeit eine zentrale Bedeutung ein. Häufig wird hierbei von der sogenannten „Golden Hour of Shock“ gesprochen, also der Versorgung dieser Patienten innerhalb von 60 min. Sollen nun alle Krankenhäuser ein mit 24h Bereitschaft versehenes Herzkatheter-Labor oder evtl. eine zertifizierte Schlaganfalleinheit erhalten? Wer übernimmt die Kosten für diese etwaige Entwicklung?

Man weiß heute bereits, dass das duale System der Krankenhausfinanzierung mehr oder weniger gescheitert ist. Der Anteil von Investitionsfördermittel betrug in 2012 nur noch 3,6 Prozent des gesamten Krankenhausumsatzes, im Jahre 2000 waren es noch 6,8 Prozent. Dies führt dazu, dass Krankenhäuser die notwendigen Mittel für Erneuerungen und Investitionen, zunehmend aus dem Bereich der direkten Krankenversorgung abschöpfen müssen. Dies erfolgt entweder durch Einsparungen und Rationierungen, vor allem im Personalbereich, oder durch fragwürdige Mengenausweitungen. Nicht umsonst steigt die Anzahl von Operationen Jahr für Jahr (4). Die Probleme dieser Entwicklungen, wie z.B. überlastetes Personal oder lange Wartezeiten sieht man allerorts. Inwieweit Themen wie zunehmende Hygienemängel oder Behandlungsfehler auf diese Politik zurückzuführen sind, bleibt erstmal offen.

Eine weitere Forderung des VEDK stellt die Tatsache dar, dass Krankenhäuser die längerfristig schlechte Qualität oder unnötige Operationen durchführen, von der Versorgung ausgeschlossen werden sollen. Die Frage ist nur, wer stellt diese Qualität fest? Und evtl. sollte man die Frage stellen, was ist Qualität im Gesundheitssektor eigentlich? Die Initiative Qualitätsmedizin z.B., setzt sich für die Verwendung von Routinedaten, Transparenz und Peer-Review Verfahren ein (5). Ein häufig hierbei verwendeter Qualitätsindikator ist die sogenannte Sterblichkeit. Die Frage ist nun aber, eignet sich Sterblichkeit wirklich als Qualitätsindikator? Ist der Patient, welcher sich, nach langer schwerer Krankheit, als bettlägeriger Pflegefall in eine Betreuungseinrichtung wiederfindet zu beglückwünschen, weil er überlebt hat? Aus meiner Sicht der Dinge sollte die Frage vielmehr lauten: Wie groß ist die subjektiv empfundene Reduktion der persönlichen Lebensqualität durch eine Erkrankung. Und welchen Einfluss hat eine medizinische Behandlung darauf? Diese Thematik jedoch auszuführen, würde den Rahmen dieses Blogs sprengen.

Verschweigen möchte ich an dieser Stelle nicht, dass es auch sinnvolle Forderungen in diesem Papier gibt. Aussagen wie „Einheitliche Vorgaben für bedarfsgerechte Versorgung“ müssen eingeführt werden oder Forderungen nach „Entwicklung von bundesweit einheitlichen Standards zur Erreichbarkeit“, haben sicherlich ihre Berechtigung. Auch das verbindliche Qualitätsvorgaben erstellt werden müssen und das man hierfür eine einheitliche Datengrundlage schaffen muss, ist nicht von der Hand zu weisen.

Witziger weise entsprechen die Forderungen des VDEK nicht immer den Empfehlungen des RWI. Vielmehr hat man den Eindruck, dass der VDEK das herauslesen möchte, was aus seiner Sicht als Kostenträger, zu einer Reduktion der Belastungen der Krankenkassen führt. Es bleibt abzuwarten inwieweit sich solche Forderungen auf die Ansichten unserer Politiker auswirken. Letztendlich kommt, trotz einiger guter Ansätze, der schale Beigeschmack auf, dass es sich wieder nur um einen neuen Versuch von Rationierung und Kostenersparnis im Gesundheitswesen handelt.

1 http://bit.ly/1ynPylS
2 http://bit.ly/12fZovG
3 http://bit.ly/1CQ302q
4 http://bit.ly/1nzMiml
5 http://bit.ly/1xbD0N3

Veröffentlicht unter Allgemein | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen